das weltweit einzigartige Glockengeläut - echte Fuß- bzw. Handarbeit - live jeden Winter von November bis Februar

Das Nachtsang-Geläut in Gütersloh

das mit Abstand älteste Kulturgut von Gütersloh und womöglich eines der ältesten Kulturgüter in Deutschland bzw. Europa

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Der ursprüngliche Sinn des Geläuts, Menschen während der dunklen Jahreszeit heimzuleiten bzw. zu retten, ist heute dem tieferen christlichen Sinn gewichen, den Sieg des Lichts über das Dunkel bzw. des Guten über das Böse zu verkünden. Und gerade dieser Sinn gibt den gesamte Charakter des Geläutes wieder.

Die Eigenart des Geläuts liegt darin, dass alle sechs Teile verschiedene Themen behandeln und einen eigenständigen Charakter aufweisen, aber immer wieder zu einer Harmonie des Dreiklangs führen.

Es beginnt mit dem ersten Teil, sehr ruhig in einem feinen Piano einzelner, zeitlich getrennter Schläge, in langsamem Tempo. Dieser erste Teil nimmt langsam an Lautstärke und Tempo zu, und er endet in einem gewaltigen Wirbel. Die Wirkung dieses Geläut-Teils liegt im Rhythmus und der Exaktheit der Glocken-Anschläge. Die Glocken werden im Stand per Trittbretter und Strick angeschlagen.

Anschließend erklingt das Bußgeläut. Hierbei wird die mittelgroße Glocke freischwingend voll geläutet und die große und kleine Seitenglocke in sehr verschiedenen Rhythmen vom Glöckner abwechselnd dazu per Trittbrett und Seil angeschlagen. In diesem sehr melodischen Teil liegt die Besonderheit darin, dass die verschiedenen Glocken immer nur jeweils einzeln, aber in sehr schneller Reihenfolge nacheinander angeschlagen werden.

Als drittes erfolgt das stimmungsvolle Beier-Geläut, das zum Abschluss in einem mächtigen Glockenwirbel endet, in welchem der Sieg des Lichtes und damit des Guten über die Finsternis und das Böse verkündet wird.
Die kleine Glocke seitlich schwingt frei, die große und die mittlere Glocke stehen fest und werden über Strick und Trittbrett angeschlagen.

In dem anschließenden vierten Teil erklingen die Glocken in einem fröhlichen Miteinander. Die kleine Seitenglocke wird freischwingend voll durchgeläutet. Mit ihr vereinigen sich die beiden anderen, die per Hand und Fuß angeschlagen werden, zu einem vom Glöckner in rhythmischen Schlägen herbeigeführten melodiösen Dreiklang.

Im fünften Teil verkündet ein kurzen Beier-Geläut, endend in einem alle Glocken umfassenden Glocken-Wirbel (Siegeswirbel), noch einmal den endgültigen Sieg des Lichtes verkündend. Die drei Glocken stehen, werden per Seil und Trittbretter angeschlagen.

In der Weihnachtsnacht des 1. Weihnachtstages vor der Uchte geht das Beier-Geläut des fünften Teils in das Sterbegeläut über. Die Glöckner nennen dieses Sterbegeläut den sechsten Teil des Nachtsang-Geläuts. Der Sinn dieses Totengeläuts , dass nur mit der großen dunklen Glocke erklingt und bei dem erst nach und nach die beiden kleineren Glocken hinein angeschlagen werden, ist kirchlichen Ursprungs: Die Kirche nennt den 24. Dezember "Adam und Eva", weil der neue `Adam´ Jesus Christus zur Erlösung des alten Adams geboren ist, und so der alte Adam zu Grabe getragen wird. Das Sterbegeläut endet mit einem gewaltigen Triller der beiden kleineren Glocken zur freischwingenden großen Glocke.
Hierzu ist ein Zitat von Pastor Köker überliefert: " Der das Sterbegeläut der großen freischwingenden Glocke überlagernde Triller der zwei kleinen Glocken soll deutlich machen, dass mit der Christgeburt der neue Mensch geboren ist."
Nach dem Sterbegeläut beginnt die Uchte unten in der Martin-Luther-Kirche.

Das Nachtsang-Geläut wird abgeschlossen mit einem Festgeläut ("Volles Geläut"), welches jedem Zuhörer ein Empfinden der Freude und Dankbarkeit vermittelt. Alle drei Glocken schwingen frei.

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Die große mittig hängende Glocke mit dem Ton "C" wird per Hand über ein Seil angeschlagen, die beiden seitlichen kleineren Glocken mit den Tönen "E" und "G" jeweils mit Fußpedalen über ein Gestänge. Bei vollem Geläut - also bei freischwingenden Glocken wie in Teil 2 und Teil 4 des Nachtsang-Geläuts - wird die jeweilige Fußpedale ausgehakt, ansonsten würde das Gestänge durch den Antrieb zerstört werden. Einmal ist dies bisher geschehen, und nur Dank der schnellen Hilfe des befreundeten Maschinenbauers Epkenhans und Brockhaus GmbH konnte die Saison ohne Ausfall fortgesetzt werden.
Aus diesem Grund gibt es zwischen den einzelnen Teilen des Nachtsang-Geläuts kurze Umbau-Pausen, und auch der Glöckner benötigt ein paar Minuten der Ruhe - auch bei starken Minusgraden und schneidendem Wind im Glockenturm.

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Die Martin-Luther-Kirche (damals zuerst `Neue Kirche´, dann `Auferstehungskirche´) wurde 1861 eingeweiht, 1866 wurden drei Glocken im Glockenturm aufgehängt. Der Glockengießer Lohmeyer in Gütersloh bekam den ehrenvollen Auftrag, die Glocken für seine Heimatgemeinde zu erstellen.

Eine mittlere Glocke trug die Inschrift "Ich töne laut mit schönem Klang und rufe oft zum heilgen Gang. O, daß doch alle darauf hörten und Gott den Herrn mit Freuden ehrten", sie wurde von Johannes Friedrich Poggenclas gespendet.
Die Inschrift der kleinen Glocke lautet "Gloria in Excelsis Deo" und wurde von den Frauen der Gemeinde gestiftet.
Die große Glocke wurde von der Kirchengemeinde selbst bezahlt.
1917 wurde beschlossen, dass die Glocken der Auferstehungskirche (heute Martin-Luther-Kirche) nicht für den Krieg eingeschmolzen werden müssten, da sie von musikalischen und historischen Wert waren. Trotzdem entschieden die patriotischen Gütersloher nur ein Jahr später, die kleinste Glocke freiwillig abzugeben. Sie wurde daraufhin zerstört. Allerdings war der Krieg zu Ende, bevor das Material der Glocke genutzt werden konnte. Deshalb kauften die Gütersloher die Bronze-Masse der kleinen Glocke zurück, um daraus eine neue Glocke gießen zu lassen. Jedoch passte der Ton der neuen Glocke nicht zu den beiden anderen Glocken.
Die neue Glocke wurde darum in der Apostelkirche nur wenige Meter weiter am Alten Kirchplatz, der Urzelle von Gütersloh, aufgehängt. Die Martin-Luther-Kirche bekam dafür die `Benedictina´ aus der Apostelkirche, die vom Ton her zu den beiden anderen Glocken im Glockenturm passte. Die `Benedictina´ stammt aus den Jahren 1484/85 und wurde ursprünglich für das Stift Bustorf gegossen. Bei dessen Auflösung 1809 in Folge der Säkularisation wurde die Glocke von der Gütersloher Gemeinde für die Apostelkirche erworben.

1942 wurden alle Glocken für die Herstellung von Waffen beschlagnahmt. Die `Benedictina´ konnte jedoch vor dem Einschmelzen gerettet werden. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die kleine Glocke bereits vom Kirchturm herabgelassen worden, aber bevor am nächsten Tag die Glocke abtransportiert werden konnte, verschwand sie in der Nacht auf wundersame Weise und wurde erst nach Ende des Krieges in einem Garten unter vielen Zweigen und Laub "wiederentdeckt". Der damalige Küster Bermpohl und unbekannte Freunde sollen diese Rettungstat durchgeführt haben, aber definitiv bestätigt wurde dies nie ...

Heute befinden sich im Glockenturm wieder drei Glocken. Zwei neue Glocken wurden 1947 von Gustav H. Wolf, dem Besitzer der Gütersloher Firma Drahtwolf, gespendet und von der Glockengießerei A. Junker in Brilon hergestellt. Noch heute wird mit der `Benedictina´ und den zwei neuen Glocken die lange Tradition des Nachtsang-Geläuts in Gütersloh fortgesetzt.

Die kleine `Benedictina´ wird nach dem Krieg wiedergefunden und - gemeinsam mit zwei neuen Glocken - in den Glockenturm der Martin-Luther-Kirche hinaufgezogen. Dort hängt sie bis heute und ist wichtiger Bestandteil des einzigartigen Nachtsang-Geläuts in Gütersloh.